Ausstellung und Film in Freiburg/Br.

10. April bis 3. Mai 2026

MOVING IN EVERY DIRECTION

Ausstellung von bewegten Skulpturen

Zur Ausstellungseröffnung am 10. April 2026 wurde der experimentell-visuelle Dokumentarfilm MOVING IN EVERY DIRECTION über solerluethi von Florian Krautkrämer im Kino gezeigt.

Filmvorführung – Ausstellungseröffnung – Musik von Sarah Lüthi

Laudatio von Cristina Ohlmer, Freiburg/Br.
Herzlich willkommen liebe Gäste zur Ausstellungseröffnung des Kunstduos solér/lüthi. MOVING IN EVERY DIRECTION. Die Bewegung ist programmatisch für die sportliche Lebensweise der beiden Schweizer, die auf der Welt von Ost nach Süd und Nord und West viel unterwegs sind. Und daraus fruchtend eine geistige Beweglichkeit, verbunden mit dem gewissen Schalk, der diesen Landsleuten erfrischend eigen ist. So – zumindest nach meinen Erfahrungen mit Schweizer Kollegen und ihrer Kunst. Martin kam derzeit aus Zürich als gelernter Maschinenmechaniker, aber auch als ein Landschaftsgärtner. Seine Kompetenzen hatten sich herum gesprochen, er nahm Aufträge für Künstler, Zirkus, Kleintheater an, wenn es um raffinierte mechanische Lösungsvorschläge ging. Seine Berufserfahrungen waren der Beginn einer mehr und mehr eigenen künstlerischen Laufbahn, gekoppelt mit dem Engagement als Ausbilder und Mitarbeiter der Stiftung Arbeitsgestaltung. Und – genau hier lernte er Roswitha im Team kennen, deren geschärftes Auge durch die Kamera fiel, um Entstehungsprozesse von Objekten und Projekten zu dokumentieren und weitere Spannungsfelder mit Bild und Video sichtbar zu machen. Der Blick ging aber nicht nur durch die Kamera, und so kam genau hier die Liebe dazu. soler/lüthi sind also seit 20 Jahren ein kongeniales Kunstduo und ein Lebenspaar dazu. Und sie leben in Luzern. Ihre Lebensphilosophie speist sich aus Geschichte und Geschichten, die sie sammeln, finden und die ihnen bei ihren Aktivitäten zugetragen werden. Denn sie erkunden leidenschaftlich und hören gerne zu. Sie schaffen Vertrauen. So öffnen sie dem Interessierten auch gerne die Augen, auf dem Weg in ihr Atelier, das außerhalb der früheren Stadtmauern hinter dem Basler Tor in den Untergrund führt. Ja- tatsächlich heißt dieser mittlerweile multikulturelle Stadtteil – Untergrund: wo sich einst Gasthäuser für vorbei Ziehende, ein Gefängnis, und auch Migranten aller Welt außerhalb des Zentrums verorteten, ist nun ein lebendiges Viertel entstanden mit einer besonderen Ästhetik für das Schöne. Hier wohnt die Szene der Kreativen und der Solidarität, wie auch z.B. die vor 80 Jahren gegründete Colonia Italiana libera, dem damaligen Treffpunkt der Antifaschisten. Jetzt immer noch ist es ein Ort für Begegnungen und Quartiersarbeit – hier gibt es ofenfrische Pizzen von Leo und Gartenfeste. soler/lüthi wirken auch hier als engagierte Freunde mit. Weiter führt der Kunstspaziergang zur ehemaligen Darm- und Kuttelfabrik auf der Reussinsel – ein Kunstraum heute, darin auch das Atelier soler/lüthi. Augenblicklich betritt der Besucher einen neuen Kosmos. Die Welt hier ist von Dingen bevölkert, die (so Roswitha) ihre Pflicht erfüllt haben, und nun zur Kür einladen - eine Wunderkammer von kinetischen Installationen aus Gegenständen aller Art, in vielfältigen Farben und Materialien, die sich in neuen Konstellationen verbinden und verbrüdern, ihren ursprünglichen Zweck vergessen, um sich ganz eigen in Szene setzen zu dürfen – augenzwinkernd und verspielt. Als hätten sie schon immer diesen Augenblick ersehnt und nur darauf gewartet, uns ein anderes Selbst ihrer Selbst zu zeigen. Ein fröhliches Weltentheater, frei von Nutzwert und Sinn. Was da von Wand, Decke und Boden dreht und wackelt, klappert und tingelt, leuchtet und aufblitzt - den Besucher bis an den Rand der Wahrnehmungsüberforderung keck begrüßt, verursacht ein Staunen über das fragile Zusammenspiel einer Sinnlichkeit, gespeist aus Klang, Bewegung, Licht, Raum und Ding. In den Märchen heißt man das Verzauberung… Wenn dieser Bann sich etwas löst, kommt die Erinnerung ins Spiel. Denn ein detektivischer Spürsinn möchte den Dingen auf den Grund gehen, wer sie sind, woher sie kamen…der Fön, die Leuchtdioden, Pommes Gäbelchen, Eislöffel, alte Skier, Uhren, Zahnräder, Puppen und Masken, Plastikteile von Spielzeug, Elektrik, Feuerzeug, Kamm – jedes Teil bezeugt den Wandel der Zeit in unserem Umgang mit allem, was wir irgendwann als wertvoll betrachteten – wir erkennen Bruchteile unserer Gebrauchsstücke. Scherben, Splitter, Papierschnipsel…Hier sind unsere Hinterlassenschaften auf Wald, Boden und Wasser teilweise zurück gefunden und vereint in ortsbestimmenden Kisten, bevor sie von soler/lüthi gewählt und so gesehen auf unübliche Weise umfunktioniert werden. Oder es werden soler/lüthi persönliche Schätze mit sentimentalem Wert anvertraut, sie kommen aus Haushalts- und Werkstattauflösungen und es ist Verlass: in den Händen des Kunstduos erwachen die Dinge, erhalten ein überraschend neues Dasein, das anarchischer und unbeschwerter nicht sein kann. Jedes wird selbstbewusster Protagonist im Getriebe eines ausgetüftelten mechanischen Zusammenwirkens mit Synergie Effekt… Habt ihr das schon einmal gesehen? Ein Hubschrauber fliegt unter der Zimmerdecke an der Leine und das reicht. Ein ausmontierter Grundig Batterienstandsanzeiger aus dem Transistorradio vergangener Tage unterstützt nun, als ein Herzschrittmacher das Fossil: ein aus den Londoner Kanälen gefischtes altes bemaltes Holzstück in Form eines Urtieres. Begleitet ist das Fossil von Plastiktubenfischlein der Jetztzeit, einst mit Soja Sauce für asiatische Speisen gefüllt, aber hier in der Darbietung eines um sich selbst kreisenden Gruppentanzes zu Ehren des Altehrwürdigen. Die Welt im Wandel: der Föhnwind, der speziell um die Schweizer Alpen das Wetter bestimmt, ist über das Wortspiel mittels eines ausgedienten Föns in eine Hamsterbox gezogen. Darin, liegen gebliebene oder verlorene Papier- und Plastikverpackungsfetzen, die, zwischen Lippenstiften, Sonnenbrillen, Anhängern und anderen Fundstücken - unter den Schneedecken der Skipisten und erst im Sommer ersichtlich - zum Vorschein kommen. Der Fön orchestriert die im Wirbel auffliegenden Abfälle einer leichtsinnigen Wegwerfgesellschaft im Inneren dieser Hamsterbox: Prinzip Chaostheorie. Einmalig und unwiederholbar das Bild einer jeden Sekunde - der Sturm ist in der Kiste, eine wilde Unberechenbarkeit bestimmt die Versuchsanordnung. Und ist dennoch logisch. Und schön dazu. Und das als Müll Vernachlässigte fliegt nun mit Stil und Poesie. Chronos Chairos, im Zentrum dieses Ausstellungsraumes wandelt sich auch im Laufe der Zeit, wie viele ihrer Werke, die selten endgültig und oft von einem Zustand in den anderen führen. Nichts steht fest, Möglichkeiten können gelebt werden. So hängen also hier fein geschnittene Uhren Zeiger, individuell, aber in Reih und Glied am Nagel. Sie erinnern an Zimmerschlüssel von Hotelgästen und warten auf Abholung in der Stunde ihrer Rückkehr. Nebenher ist – zum Zeitvertreib?- ein Tabledance von abgelegten Armbanduhren angeboten. Sie beugen und strecken sich recht tapfer auf der kreisenden Scheibe. Lichterketten funkeln wie ein Versprechen für die Nacht und alles was Zeit sein könnte oder sein wollte gibt sein Bestes, messend, zählend, drehend und zeigend, was auch immer wir uns darunter vorstellen oder wünschen. An anderer Stelle kann sich endlich ein Mülleimer von seiner schillerndsten Seite zeigen: stolz, in sein spiegelndes Kostüm gemantelt, kann er ab jetzt im Mittelpunkt aller Tanzpartys den Discoking behaupten, und wer das nicht glauben mag, dem streckt er eine rot leuchtende Zunge heraus. Das wirkt. Ebenso gekürt bei soler/lüthi, die von Wind und Wetter gebeutelten Regenschirme: wenn die überforderten Alugestänge verbiegen und der Regenschutz zur Parodie dieser schnell lebigen Ware wird. Im Messaufbereiter dürfen allein die filigranen Gestänge als hypersensible Fühlfäden den Raum ertasten. Wie die zarten Beine eines Weberknechtes vermitteln sie sich mit atemberaubender Eleganz. Und so weiter, und so weiter…schauen sie sich um und finden sie selbst, woraus, worin die humorvolle Herangehensweise dieses Kunstduos beschaffen, von welchen Reisen oder Begegnungen sie gespeist, welche Geschichten diese Dinge in einem früheren Leben wertvoll gemacht haben und warum sie kostbar bleiben, auch wenn ihre ursprüngliche Verwendung abgespielt ist. Zu guter Letzt und bevor die Tochter Sarah uns mit Musik in die Eröffnung der Ausstellung geleitet, ein Begriff, den das Paar von ihr gelernt und mitgebracht haben: Sara lebte lange auf Neuseeland und die Maori dort sagen: PHANAU, es bedeutet … wie in einer Familie und unter Freunden aufgenommen zu sein. Aufgehobenes Sein pflegen. Soler/lüthi leben PHANAU. Danke und viel Spaß mit der Ausstellung und dem Zuhören jetzt bei Sarah´s Musik. Cristina Ohlmer, April 2026